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Mark Pritchard. Foto: Promo/Warp Records

Mark Pritchard.

Angehört: Mark Pritchard - «Under The Sun»

24. Mai 2016, 10:57 Uhr

«Under the Sun» ist ein Album, das so nur Mark Pritchard aufnehmen konnte - aus einem simplen Grund: Weil kein anderer Musiker über eine vergleichbare Diskografie und so einen ähnlichen Erfahrungsschatz verfügt.

Es ist ein Album, das auf den Einsichten und Erfahrungen aus einem Vierteljahrhundert basiert, in dem Pritchard die wichtigsten Subkulturen und -Szenen der elektronischen Musikwelt miterlebt, -geprägt und vorangetrieben hat, das auf Freundschaften und Kollaborationen mit Musikern verschiedener Generationen basiert sowie auf jahrelanger, intensiver Studioarbeit unter rekordverdächtig vielen Künstlernamen.

Pritchard stammt aus Somerset, und natürlich saugte er alles auf, was für einen Heranwachsenden in den späten Achtzigern von Bedeutung sein konnte: "The Smiths, Pixies, Sonic Youth, The Cure, My Bloody Valentine – und dann auch die Sachen von 2 Tone Records, durch die ich auch bei Reggae und Dub landete." Ein zentrales Erlebnis war ein erster Clubbesuch an der Südküste in Bournemouth, wo zwei DJs namens North und South denjenigen House- und Techno-Sound spielten, der zu dieser Zeit in Detroit, Chicago und New York gemacht wurde: Damals ganz klar die innovativsten Genres überhaupt. "Ich hatte echt Glück", meint Pritchard, "dass ich schon damals richtige Clubmusik, den richtigen Mix davon, zu hören bekam. Denn ab da gab’s einfach kein Zurück mehr für mich!" Tatsächlich dominierte die elektronische Musik gleich nach diesem Erstkontakt im Club sein ganzes Leben. So kam er schon wenig später mit anderen Leuten aus Südwestengland in Kontakt, unter anderem mit Tom Middleton, der als Produzent erste Gehversuche mit Richard D. James (aka The Aphex Twin) gemacht hatte – und mit dem Pritchard später etliche Projekte starten sollte, u. a. Global Communication, Jedi Knights etc.

Pritchard rührt als Produzent in allen Töpfen

Pritchard war von Anfang an nicht nur extrem produktiv, seine Produktionen wegweisend, sondern ihm gelang es, sich nicht auf die Leftfield-Electronica-Ecke festnageln zu lassen, indem er sich in den unterschiedlichsten Genres ausprobierte. Seine unter den Namen Reload und Link veröffentlichten Tracks gelten noch immer als Meilensteine der britischen Techno-Bewegung, und so wurden selbst seine Vorbilder aus Detroit schnell hellhörig und bekundeten ihren Respekt. Die Hardcore-Breakbeat-Tracks, die er mit seinem Schulfreund Dominic Fripp als Chaos & Julia Set aufnahm, wurden von den grössten DJs der Rave- und auch der aufkommenden Jungle-Szene gespielt, und der verträumte Drum & Bass-Sound, den er mit Middleton unter dem Namen The Chameleon vom Stapel liess, sollte nicht ohne Grund bei LTJ Bukems Good Looking Records erscheinen. Ausserdem begann zu dieser Zeit seine ebenfalls äusserst produktive Freundschaft mit Rave-Legende Danny Breaks. Seine NY-Connection-Veröffentlichungen sind auch heute noch bei "richtigen" House-DJs begehrt und Global Communication haben mit 76:14 eine der wichtigsten Chillout-Platten aller Zeiten aufgenommen.

Beeindruckende Meilensteine und Erfolge, keine Frage, dabei ist es noch beeindruckender, dass Pritchard auch nach der Jahrtausendwende ähnlich grossen Einfluss auf die verschiedensten Sub-Szenen der elektronischen Musikwelt hatte: Seine Troubleman-Aufnahmen aus den frühen Nullerjahren wurden z.B. vom Bugz In The Attic-Kollektiv gefeiert wie auch von Kenny "Dope" Gonzalez, einem persönlichen Helden von Pritchard, der ihn überhaupt erst zu diesem Projekt inspiriert hatte. Und als er sich dann Footwork-Beats aus Chicago zuwandte, indem er unter anderem "Out in the Streets" mit Africa Hi-Tech vom Stapel liess, wurde der Track sogar vom inzwischen verstorbenen DJ Rashad und dessen Teklife-Buddies gespielt und gefeiert. Als er dann Grime-Beats machte, waren sofort MC-Grössen wie Wiley, Trim und Riko Dan zur Stelle, um ihre Parts beizusteuern. Seine Abstecher in Richtung Dubstep/Bassmusic sind auf Malas Deep Medi Musik und Kode 9s Hyperdub-Label veröffentlicht worden: Wie man sieht, hat dieser Mann aus dem Südwesten Englands es immer wieder geschafft, bei jedem neuen Genre, jedem neuen Sound seine Finger im Spiel zu haben und selbst in den exklusivsten Szenekreisen mitmischen zu können. Trim und Riko Dan sollen mal im Scherz gesagt haben: "Der Typ beherrscht sein Equipment wie ein Jamaikaner; was ist da bloss los?"

Ein akribischer Arbeiter

Pritchard hat natürlich die (bescheidene) Antwort darauf parat: "Ich arbeite einfach wahnsinnig intensiv, sprich: so lange, bis wirklich alles stimmt. Wenn ich einen Sound mag, dann analysiere ich ihn wirklich bis ins kleinste Detail. Ich finde erst mal heraus, welche Muster ihn definieren, besonders in Sachen Timing, und das mache ich dann noch einmal und noch einmal und so lange, bis wirklich alles stimmt." Dieser akribische, hingebungsvolle Ansatz als Produzent - gepaart mit der Tatsache, dass seine vielen, vielen Künstlernamen jede Art von Voreingenommenheit quasi unmöglich machen -, sie sind wahrscheinlich der Schlüssel zur Langlebigkeit, die diese ungewöhnliche Karriere auszeichnet: Wenn die meisten anderen längst in irgendeinen Trott geraten sind, geht es Pritchard noch immer ums Lernen, darum, sein Handwerk zu verfeinern, mit jedem neuen Beat, jedem neuen Takt. Die Disziplin, von der wir hier sprechen, ist zugleich das Fundament der einzigartigen Stimmungen, die einem auf Under the Sun begegnen: Nur hat Pritchard dieses Mal nicht einen bestimmten Produzier- und Programmier-Style einer bestimmten Nischenszene ausgewählt, sondern sich daran gemacht, den zeitlosen Sound der 1960er und 1970er nachzuempfinden - wenngleich natürlich auf seine ganz eigene Art.

"Ich mag Clubtracks, und ich mag generell Sachen, die heavy sind, mit harten Beats", berichtet er. "Aber dieses Mal wollte ich etwas machen, das einen ganz anders in seinen Bann zieht." Um das zu schaffen, konzentrierte er sich bei der Arbeit auf alte Synthesizer und machte einen Bogen um digitale Tools: Oft spielte er die Spuren durch alte Verstärker ein und nahm die Resultate dann ein weiteres Mal auf, um die Wärme und Präsenz dieser Spuren noch zu verstärken. Ein wichtiger Einfluss waren dabei seine intensiven Gespräche mit Phill Brown - einem Toningenieur, der mit Led Zeppelin, Jimi Hendrix, John Martyn oder auch Talk Talk gearbeitet hat -, denn Pritchards Mission war es tatsächlich, den Geist dieser älteren Alben einzufangen, ohne dabei jedoch seinen eigenen, naturgemäss sehr viel moderneren Ansatz aus den Augen zu verlieren.

Viele Gäste

Zeitlosigkeit lautete das Stichwort, als es schliesslich darum ging, die verschiedenen Elemente und Stimmen zu einer Einheit zu verbinden: Um Brüche zu vermeiden zwischen der düsteren Poesie und dem Vintage-Avantgarde-Geist von "The Blinds Cage" feat. Beans (Anti-Pop Consortium) und z.B. dem klassischen Global Communication-Style von Tracks wie "EMS" und "Sad Alron". Auf einem derartigen Fundament würde tatsächlich nichts mehr Sinn machen, als Thom Yorke von Radiohead, die wiederentdeckte Psych-Folk-Sängerin Linda Perhacs (an deren Track Pritchard allein mehrere Monate gearbeitet hat) und Bibio mit seinen Tropicalia/Beach Boys-Einflüssen als weitere Albumgäste ins Boot zu holen. Schliesslich gelang es ihm sogar, indirekt auch Julie Andrews auf dem Album unterzubringen: In Form von Samples von jenem Album, das sie zusammen mit Komponisten-Ikone Moondog aufgenommen hat, und die nun auf dem abschliessenden Titelsong aufblitzen: Auch das kann nur funktionieren, weil der Gesamtsound dieses Longplayers dermassen kohärent und schlüssig ist.

Nachdem er sich auf diese Grundausrichtung des neuen Albums festgelegt hatte, gepaart mit der Tatsache, dass er sich aus der DJ-Welt temporär zurückgezogen und bewusst alles Zeitgenössische ausgeklammert hatte, kristallisierten sich nach und nach, über einen Zeitraum von zwei Jahren, die Themen und Stimmungen heraus, die Under the Sun auszeichnen. Erinnerungen spielen dabei wie gesagt eine zentrale Rolle: Ein Gefühl, das mit den Grafschaften des englischen West Country verbunden ist, das seine Kindheit und Jugend so sehr geprägt hatte, schwang im Hinterkopf stets mit während der Arbeit. Auch kehrten gewisse Stimmungen immer wieder, insbesondere eine Tonart, die er halb im Scherz als "mittelalterlich" bezeichnet: Eine gewisse Art und Weise, wie Melodien und Akkorde ineinandergreifen, wie Geschichten wie in uralten Folksongs erzählt werden, was am deutlichsten in den psychedelischen Folk-Anflügen der Songs mit Thom Yorke und Linda Perhacs anklingt, "Beautiful People" und "You Wash My Soul". Doch Pritchard bezieht sich mit diesen Melodien auch auf Modalen Jazz, auf frühe Aphex-Twin-Aufnahmen, auf den epischen Soundtrack-Funk von David Axelrod. Ja, genau genommen landete er wohl bei dem Mittelaltervergleich, weil sein alter Hip-Hop-Plattendealer die Scheiben von Axelrod früher immer als "medieval shit" bezeichnet hatte...
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